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Pressestimmen zum 100-jährigen Jubiläum des Jüdischen Frauenbundes

Dr. Susanne Keval in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung:

"Anständig gemacht
Festakt zum hundertsten Geburtstag des Frauenbundes


‚Macht’s weiter anständig’, mit diesen Worten von Bertha Pappenheim schloß Rachel Heuberger ihren Festvortrag bei der Feier, die zum einhundertsten Jubiläum des Jüdischen Frauenbundes (JFB) am 16. Juni im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum in Frankfurt am Main stattfand. Rachel Heuberger, Leiterin der Judaica-Abteilung der Stadt- und Universitätsbibliothek, zeichnete den Weg der überzeugten jüdischen Feministin nach, deren hauptsächliches Engagement dem Kampf gegen den Mädchenhandel galt, der zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vor allem in Osteuropa betrieben wurde. Gleichzeitig setzte sich Bertha Pappenheim durchaus erfolgreich für mehr Gleichberechtigung der Frauen in den jüdischen Gemeinden und für die Erwerbstätigkeit von Frauen ein.

Zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland waren zu dem Festakt nach Frankfurt gekommen. Darunter die Präsidentin des International Council of Jewish Women (ICJW), Sara Winkowski, aus Uruguay. Seit 1957 gehört der deutsche Frauenbund dem ICJW an, einem Verband, der zwei Millionen jüdische Frauen in neunundvierzig Ländern vertritt.

Edith Kelly, Mitglied des Vorstands des Jüdischen Frauenbundes Deutschland, überbrachte Grußworte der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt, und von der US-Historikerin Marion Kaplan, die als erste Nachkriegswissenschaftlerin die Geschichte des JFB in den achtziger Jahren erforschte. Zentralratsvizepräsidentin Charlotte Knobloch hob den Stellenwert der ehrenamtlichen Sozialarbeit hervor, die Frauen auch heute in den Gemeinden leisten. Gerd Krämer vom hessischen Sozialministerium nahm Bezug auf die Missionsstationen in Bahnhöfen, die der JFB bereits 1911 etabliert hatte, um gefährdeten Mädchen zu helfen. Die Stadträtin für Bildung, Umwelt und Frauen, Jutta Ebeling, erklärte, warum das Mädchenheim des JFB in Neu-Isenburg errichtet worden war. Frankfurt hatte als Reichsstadt strengere Vorschriften als das Umland.

Alle Redner waren sich darin einig, dass Bertha Pappenheims Engagement der Forderung jüdischer Frauen nach mehr Gleichberechtigung Nachdruck verlieh. Tamar Grizim verbrachte als Tochter einer Erzieherin ihre Kindheit im Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg. Sie beschrieb bei der Veranstaltung Bertha Pappenheim als eine strenge, aber sehr menschliche Frau, die zwar ‚viel verlangte, aber auch immer viel gegeben hat’.

1953 ließ die SPD-Sozialpolitikerin Jeanette Wolff sel. A. zusammen mit eintausendsiebenhundert jüdischen Frauen, überwiegend überlebende deutsche Jüdinnen, den JFB wieder aufleben. Damals vor allem, um den kranken und traumatisierten Überlebenden des Holocaust zu helfen. Heute füllt die Arbeit des JFB eine wichtige Lücke bei der Integration der Neuzuwanderer aus den Ländern der GUS. Neun der dreiunddreißig Frauenvereine arbeiten in den neuen Bundesländern.

Zum Abschluss der Jubiläumsfeier gab es nicht, wie es guter jüdischer Brauch ist, Glückwünsche ‚bis 120’, sondern für die nächsten hundert Jahre. Die Vorstellung, dass dann die Enkelkinder der jetzt aktiven Frauen auf zweihundert Jahre Engagement des Frauenverbandes zurückblicken würden, beflügelte die Festgemeinde. Der Wunsch der Frankfurter Stadrätin Jutta Ebeling, die Welt der Männer möge nicht menschlicher, sondern weiblicher werden, brachte zum Ausdruck, dass es noch viel zu tun gibt. "


Barbara Wündisch in der Süddeutschen Zeitung:

"An Stelle des Messias
Der Jüdische Frauenbund feiert sein 100-jähriges Bestehen


Dem Staatssekretär der hessischen Landesregierung geriet sein Grußwort vor Verlegenheit ein wenig zu lang. Es ist ja auch nicht ganz alltäglich, dass ein jüdischer Verband in Deutschland, noch dazu ein Frauenverband, sein hundertjähriges Bestehen feiert. Der Jüdische Frauenbund (JFB), gegründet am 15. Juni 1904 in Berlin, wurde zwar 1938 zwangsaufgelöst und erst 1953 wieder neu gegründet. Dennoch beziehen sich Jüdinnen heute auf eine mindestens hundertjährige Geschichte jüdisch-feministischen Engagements. ‚Die Tradition der jüdischen Frauenarbeit verpflichtet uns’, sagte Vorstandsmitglied Edith Kelly anlässlich des Festaktes in Frankfurt zum 100. Geburtstag des JFB.

Prägende Gestalt des Jüdischen Frauenbundes war seine Mitbegründerin Bertha Pappenheim. 1859 in Wien geboren und später bekannt geworden als Freuds ‚Anna O.’, vereinte sie in ihrer Person jüdische Orthodoxie und deutsches Bürgertum. Die Frauenrechtlerin Pappenheim postulierte die religiöse und politische Gleichstellung der Frau, reformierte die jüdische Wohltätigkeitsarbeit und erfand mit dem Begriff der ‚sozialen Mütterlichkeit’ den Beruf der Sozialarbeiterin. ‚Eine zweite Bertha Pappenheim mit ihrer Radikalität gab es nicht mehr’, sagte die Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch.

In dem 1907 gegründeten Heim des JFB in Neu-Isenburg wurden Waisenkinder, unverheiratete Mütter und ehemalige Prostituierte aufgenommen. Pappenheim prangerte den Mädchenhandel in Osteuropa an und brach mit dem Tabu, über die Prostitution jüdischer Frauen zu sprechen. Der Jüdische Frauenbund hatte großen Zulauf, rund ein Drittel aller deutschen Jüdinnen trat ihm bei. 1913 zählte er 32000 Mitlieder, 1932 waren es 52000 Mitglieder.

Einer der größten Fehler Bertha Pappenheims bestand darin, in der Zeit des Nationalsozialismus am Leben der Juden in Deutschland festzuhalten. Sie selbst starb 1936 nach längerer Krankheit, nachdem sie wenige Tage vor ihrem Tod noch von der Gestapo in Offenbach verhört worden war. In der Reichspogromnacht 1938 wurde ein Haus des Isenburger Heims abgebrannt, die übrigen drei beschlagnahmte die Hitlerjugend. Pappenheims Schülerin Hannah Karminski und viele Kinder wurden 1942 deportiert und ermordet.

Zu den Hauptaufgaben des Jüdischen Frauenbundes, der heute rund 4000 Mitglieder hat, zählt die Integration der Einwanderinnen aus der ehemaligen Sowjetunion. Salomon Korn sprach in seiner Rede von einer Welt, in der keine Wohltätigkeitsorganisationen mehr gebraucht würden. Bis der Messias komme, wünsche er allerdings dem Jüdischen Frauenbund alles Gute. "

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